Der Wohltäter

P1170095
Datum: 27. 1. 2018

Im Rahmen der Vorbereitungen auf die 110-Jahresfeier der Ankunft der Schulschwestern in St. Peter haben wir uns im Internat für eine kreative Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Bildungseinrichtung entschlossen. Als Grundlage diente uns die Erzählung „Der Wohltäter“, die vom Gründer der Schule, Pfarrer Matej Ražun berichtet, der die Schwestern nach St. Peter geholt hatte.
Thematisch richteten wir den Blick auf die Geschichte, daher verwendeten
wir auch Material, auf dem die Spuren der Zeit sichtbar sind.

Mentorinnen: Iris Godec und Sr. Urša Šebat


Ende des Zweiten Weltkriegs

Nach dem teilweisen Rückzug der englischen Beastzungsmacht kehrten die Ordensschwestern ins Kloster zurück, wo noch immer einige Soldaten und der Koch hausten, die mit den letzten Vorräten geradezu verschwenderisch umgingen. Zum Beheizen der Räumlichkeiten wurden sogar Parkettbodenbretter verwendet.
Doch schon bald verließen auch die letzten Besatzer das Gebäude und die Schwestern waren auf sich alleine gestellt. Zunächst galt es das Gebäude gründlich zu reinigen und aufzuräumen.
Eine junge Schwester mit aufgekrempelten Ärmeln räumte den Dachboden auf und ordnete von dem Gerümpel alles noch Brauchbare.
Als alles schon durchsucht und aufgeräumt zu sein schien, fand die Schwester in einem von Spinnweben durchsetzten Winkel des Dachbodens ein in Papier eingewickeltes Bild – ein Portrait, das sie unverzüglich einer der älteren Schwestern zeigt. Diese betrachtete das Bild voller Ehrfurcht. »Wer ist die Person auf dem Bild? Bitte verraten Sie es mir!« »Es ist der Wohltäter«, entgegnete die Schwester. Sie war es, die das Bild vor dem Krieg in Sicherheit gebracht hatte. Es sollte einen Ehrenplatz im Gebäude erhalten.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 1. Kapitel


Pfarrer in St. Jakob im Rosental

Allmählich schlossen ihn die Leute aufgrund seiner Wohltätigkeit ins Herz. Er half jedem in Not – der armen alten Frau, die kein Geld für einen Arztbesuch hatte, dem vereschuldeten Bauern, dessen Besitz konfisziert wurde, dem Gemeindebediensteten, der für seine Bedürfnisse Geld aus der Gemeindekasse entnommen hatte und es zurückgeben wollte, jedoch eine Kontrolle diesen Plan vereitelte.
Er selbst war sehr ärmlich gekleidet, sein verblichener, schwarzer Rock veränderte je nach Wetterlage die Farbe. »Hochwürden, so kaufen Sie sich doch einen neuen Rock, schließlich haben Sie weder Frau noch Kinder zu versorgen, um derart sparsam zu sein!«, sagte ihm eine Bäuerin, die es gut mit ihm meinte. Er lächelte jedoch nur vor sich hin.
Er trug sich jedoch mit der Absicht, ein Grundstück für die Errichtung einer Volks- und Wirtschaftsschule zu erwerben, die das ganzen Rosental  in eine rosige Zukunft führen sollte. Dieser Plan traf auf viel Zustimmung, aber auch auf geradezu feindliche Ablehnung.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 5. Kapitel


Versammlung unter der alten Linde

»Der heilige Glaube sei euer Licht,  eure Muttersprache aber  der Schlüssel zu wahrer Volkskultur«, sagt er, seine Worte feierlich betonend. »Männer und Frauen, noch brennt das Licht des Glaubens in euren Herzen. Noch haben wir den Schlüssel zu den Schätzen unserer Kultur in der Hand, noch lieben wir unsere Muttersprache und können in der Sprache lesen und schreiben.
Doch eure Kinder, eure Söhne und Töchter? Ich fürchte, dass sie nicht einmal eure Messbücher mehr lesen werden können…!«
»Wir brauchen eine Schule, ohne die kein Lesen und Schreiben möglich ist«, betont der Pfarrer.
»Aber wir haben doch eine Schule!«, rufen alle.
»Das ist aber nicht unsere Schule. Sie entfremdet unsere Kinder. Man bringt ihnen bei, das zu lieben, was nicht heimisch ist, was euch nicht lieb und teuer ist«, erläutert der Pfarrer.
»So lasst uns doch eine Schule bauen!«, schreien die Männer mit Begeisterung.
»Im Namen des Volkes!«,  rufen die drei Männer, einander die Hände reichend. »Im Namen unseres Volkes, für unsere Leute, unsere Jugend, unsere Zukunft, damit wir unsere Sprache erhalten, beschließen wir heute den Bau unserer Volksschule. Wir rechnen fest mit der Unterstützung aller Patrioten, wir rechnen ebenso mit der Mitarbeit des ganzen Volkes. Vor allem aber vertrauen wir auf Gottes Hilfe!«, rufen die Männer. »Unsere Schule möge die Frucht unserer Sorgen und unserer Arbeit sein!«, beteuert die Menge.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 6. Kapitel

Ein Grundstück

Es wurde sodann ein Grundstück von den Bauern Užman, Boštjančič  und Žofran erworben.  Auf diesem Grundstück wurde im Juli 1904 mit der Errichtung des Schulgebäudes begonnen.
Tag für Tag eilten die Menschen mit Schaufeln, Hacken, Wagen und Schubkarren zur Baustelle.
Mindestens einer aus jeder Familie half tagtäglich beim Bau mit. Einige hoben das Fundament aus, andere transportierten Sand von der Drau herbei. Es gab noch keine Automobile, das ganze Baumaterial musste mühevoll mit Pferdefuhrwerken herbeigeschafft werden. Andere wiederum kümmerten sich um das Bauholz, wobei jede Familie mindestens eine Fichte spendete.
Alle waren am Arbeiten.
»Mit Eintracht, Brüder!«, wurden die Arbeiter vom Pfarrer ermutigt und ermutigten sich auch untereinander.
Es wurde nicht gerastet. Die Arbeitsstunden der Menschen aus St. Peter, Srajah, St. Jakob und Lessach wurden nie notiert. Sie arbeiteten aus Liebe zu ihrem Volk.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 6. Kapitel

Ordensschwestern aus Marburg

In der darauffolgenden Woche tollte begeisterte Kinder um die Schule herum. Im Dorf hatte sich das Gerücht verbreitet, dass drei Ordensschwestern aus Marburg angekommen seien. So mancher bog von der Straße ab, sah sich das Schulgebäude an und den Schwestern bei deren Arbeit zu. Zu Hause wurde erzählt, eine der Schwestern sei groß und würdevoll, die andere kräftig und die dritte »fesch«.
Am 3. November 1908 ging im neuen Schulgebäude eine öffentliche dreijährige Volksschule mit slowenischer Unterrichtssprache in Betrieb.
Der Lehrer Gregor Bürger aus Schiefling wurde vom Landesschulrat mit der vorläufigen Leitung der Schule betraut, zwei Ordensschwestern, Sr. Uršula Gosak in Sr. Leonarda Košir,  wurden als Lehrkräfte angestellt.
Die »Narodna šola« wurde im zweisprachigen Teil Kärntens schnell  bekannt und die Zahl der Schüler wuchs von Jahr zu Jahr.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 8. Kapitel


In der neuen Volksschule betätigten sich die Schwestern nicht nur als Lehrkräfte. Die Lehrerin Sr. Uršula Gosak interessierte sich für alles, was mit Landwirtschaft zu tun hat, und nach dem Unterricht half sie bei der Arbeit auf den Feldern mit. Wirtschaftlicher Fortschritt bedeutete ihr sehr viel.
»Wuchs und Qualität von Feldfrüchten hängen stark von der Qualität des Samens ab. Daher werde ich meinen Vater bitten, dass er uns Samen für verschiedene Feldfrüchte aus der Steiermark schickt, und zwar nicht nur für das Kloster, sondern auch für die Nachbarn.«
Noch heute erinnern sich alte St. Jakober an die damalige Qualitäts- und Ertragssteigerung bei Feldfrüchten.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 8. Kapitel

»Es sind Ferien. Jetzt hätte ich Zeit, Brennholz für den Winter vorzubereiten. Vorigen Winter haben die Kinder gefroren. Wir haben zu wenig geheizt, weil zu wenig Holz zur Verfügung stand. Daher werden ich zum Fürsten Liechtenstein nach Rosegg gehen und ihn fragen, ob wir einen Teil seines Wald in den Karawanken durchforsten dürfen«, meinte Sr. Uršula. Die Erlaubnis wurde tatsächlich erteilt.
Beim Transport des Holzes nach St. Peter passierte es gelegentlich, dass die Baumstämme samt dem Fuhrwerk im Wildbach landeten, was einmal auch Sr. Uršula widerfuhr. Obwohl sie völlig durchnässt war, führte sie die Waldarbeit zu Ende. »Ich bin an der frischen Luft, meine Kleidung wird bald trocknen, und weil ich mich bewege und arbeite, werde ich mich auch nicht verkühlen.«

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 8. Kapitel

P1170123

Gefängnis

Eines Tages war Pfarrer Matej sehr verwundert, denn er hatte eine Postkarte erhalten, auf der ein einziger Satz stand: »Ich hoffe, dass wir uns bald sehen.«
Er wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. »Ich bin von meinen Gegnern in St. Jakob angezeigt worden. Ihren Gesichtsaussdruck kann ich so deuten, dass die Zeit der Rache angebrochen ist.«
Am darauffolgenden Tag, es ist ein Sonntag, erscheinen zwei Polizisten im Pfarrhof. »Wo ist der Pfarrer?«
»Er nimmt gerade die Beichte ab, und er wird bald zurückkommen«, sagen die beiden Haushälterinnen.
Als der Pfarrer eintrifft, wird er von den Polizisten aufgefordert, unverzüglich zum Bahnhof in Rosenbach mitzukommen, die Abfahrt nach Klagenfurt werde in einer Stunde erfolgen.
Nach der Verhaftung des Pfarrers waren viele, die ihn schätzten, verzweifelt und empört, während seine Feinde über ihn spotteten: »Er ist selbst schuld, er hätte sich nur um die Kirche kümmern sollen!«
In einer dunklen Gefängniszelle dachte der Pfarrer an jene, die ihn angezeigt hatten. Oh Gott, ich vergebe aus ganzem Herzen all jenen, die dafür gesorgt haben, dass ich an diesem Ort bin«, betete der unschuldige Priester.
Während der sieben Monate, die er in dieser Zelle ausharren musste, litt er an ständiger Todesangst.
Oft wurde er verhört. ».«Sie werden beschuldigt, serbophil zu sein. Und das in sieben Fällen. Entspricht das der Wahrheit?«
»Führt ihn in die Zelle zurück!«, brüllte der Richter. Auf dem Weg in die Zelle wurde der Priester schwer misshandelt.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 9. Kapitel

P1170130
»Lieber Freund!
Ich vertraue nur noch Gott und Dir auf dieser elenden Welt. Ich würde Dir gern anvertrauen, dass sich mein Nervenleiden verschlechtert hat. Ich vergesse alles, sehe alles nur noch negativ. Nicht einmal den Rosenkranz zu beten bin ich mehr imstande . Meinen Pflichten in der Pfarre komme ich nur noch mit großer Mühe nach. Am liebsten würde ich nach Kärnten zurückkommen. Glaubst Du, dass man mich irgenwo braucht?  Ich wäre mit jedem Ort zufrieden. Bitte erkundige Dich! Ich wäre Dir dankbar dafür.
Über den Winter würde ich noch hier bleiben und im Frühling nach Kärnten kommen. Die Errichtung der Schule hat meine Gesundheit angegriffen, ebenso die vielen Schulden, das Leiden im Gefängnis hat meine Nerven ruiniert.
Auf ein Wiedersehen freut sich
Dein Matej.«

Pfarrer Matej lebte damals in großer Armut.
Er starb am 25. Dezember 1943

Du warst:
Ein Stern für dein Volk,
Eine Sonne für die Jugend,
Ein Vater für die Familien
und ein Apostel für die Kirche

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 9. Kapitel

P1170132

Nach der Volksabstimmung war es den Schulschwestern nicht mehr erlaubt, den Unterricht in der Volksschule fortzuführen. Die Behörde gestattete ihnen jedoch, Kriegswaisen  in Obhut zu nehmen, sie zu pflegen und zu erziehen. Von diesen gab es nach dem Krieg mehr als genug. Die Oberin zerbrach sich den Kopf, wie sie Nahrung, Kleidung und andere Notwendigkeiten für die Waisenkinder auftreiben könnte. Sr. Silvestra schlug vor, eine Spendenaktion durchzuführen; die Menschen würden für Waisenkinder gerne spenden. Die Oberin stimmte sofort zu.
Schon am darauffolgenden Tag begann die Spendenaktion, Sr. Silvestra wurde von der jungen Roza Fugger aus Srajach begleitet.
Jahr für Jahr wurden im ganzen Rosental Spenden für die Waisenkinder gesammelt, wobei sich die Bevölkerung durchwegs als sehr großzügig erwies.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 10. Kapitel


Mit der Zeit erhielten die Schestern die Erlaubnis, eine Haushaltungs- und Nähschule zu führen. Aus allen Richtungen kamen Schülerinnen, unter ihnen auch solche, mit denen die Eltern nicht mehr zurande kamen. »Die Schulschwestern kommen mit solchen Problemfällen schon zurecht«, meinten deren Eltern.
Das war in den Nachkriegsjahren kein einfaches Unterfangen. Mit Gottes Hilfe gelang es, diese Herausforderung zu meistern.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 10. Kapitel


Der Zweite Weltkrieg brach aus. Die staatliche Geheimpolizei benachrichtigte die Ordensschwestern, das Schulgebäude innerhalb von acht Tagen zu verlassen und nur persönliche Dinge mitzunehmen. Schweren Herzens leistete man dem behördlichen Befehl Folge und fand  schließlich Zuflucht bei den Schwestern im Kloster Harbach in Klagenfurt. Im Gebäude in St. Peter ging  nun eine nationalsozialistische Haushaltungsschule in Betrieb. Die älteren Dorfbewohner nannten die neuen Schülerinnen „Evas Schlangen“, weil sie diese freizügig auf den Wiesen sonnten und sich mit den Offizieren im Tanzsaal trafen , zu dem die Kapelle umfunktioniert worden war.
„Ja, sind die denn total verrückt?“, murrten die Dorfbewohner.

»Der Wohltäter« –  eine Geschichte aus dem Rosental, Auszug aus dem 10. Kapitel